LEBEN UND WERK

von Johannes Habdank, Berg am Starnberger See

Meine Ausführungen gehen im ersten Teil auf Leben und Werk meines Vaters insgesamt ein, im zweiten Teil auf den Sinn der Habdank-Kunst, insbesondere seiner Holzschnitte, durch die er nachhaltig bekannt wurde.

Leben und Werk: Walter Habdank wurde am 5. Februar 1930 in Schweinfurt geboren. Die Eltern leiten ein kirchliches Heim für 90 schwer erziehbare Kinder, in dem der kleine Walter mit aufgezogen wird, diese frühen Jahre sind für ihn so prägend, dass er zeitlebens ein ausgeprägter Individualist und Nonkonformist sein wird. Der Heimbetrieb wird 1940 durch die Nazis zwangsweise eingestellt. Der Vater, ein Rummelsberger Diakon, wird acht Tage inhaftiert. Danach zieht die Familie nach München.

1940-49 besucht Walter Habdank das humanistische Theresiengymnasium. Seine künstlerische Begabung wird von Beginn an erkannt und durch ein Hochbegabten-Stipendium gefördert. Anfang 1945 wird die Wohnung des Elternhauses in der Ringseisstraße ausgebombt. Walter und sein Bruder Martin ziehen zu einer Tante nach Würzburg, wo sie am 17. März erneut ausgebombt, verschüttet und - noch - lebendig ausgegraben werden. In diesen Monaten entgeht der Fünfzehnjährige nur knapp der Rekrutierung für den 'Volkssturm'.

In der Nachkriegszeit wendet sich der junge Walter Habdank der modernen französischen Malerei zu und der Kunst des deutschen Expressionismus. Die Auseinandersetzung mit diesen Meistern und mit Klassikern der Renaissance und alten deutschen Malerei bestimmt auch das Studium der Malerei und Grafik 1949-52 an der Akademie der Bildenden Künste, München, bei Prof. Walter Teutsch.

1950 bezieht die Familie eine Wohnung in Schwabing. Habdank genießt in diesen Jahren das Schwabinger Künstler-, Intellektuellen- und Literatenmilieu mit anregendem Gedankenaustausch (mit Karl Richter, dem Maler Helmut Hoffmann, dem Dichter Paul Wühr). In den 50er und 60er Jahren unternimmt Walter Habdank Studienreisen nach Italien, Spanien, Tunesien, in den 70er und 80er Jahren mehrfach auch in das Tessin/Maggiatal, die Provence und nach Teneriffa. Die gesammelten Reiseeindrücke werden in Landschaftsbildern in Öl und Aquarell zu Seelen-Landschaften umkomponiert, die das Auge in Bann ziehen.
1962 heiratet Walter Habdank die 11 Jahre jüngere Friedgard Hofmann, Tochter des vormaligen Leiters der Inneren Mission München und ersten Generaldekans der evang. Militärseelsorge in Bonn. Habdanks Frau Friedgard ist zuständig für das häusliche Umfeld, sie widmet sich aber auch der Gestaltung von Wandteppichen, Antependien und Paramenten nach Entwürfen ihres Mannes in der Atelierwohnung in München-Pasing, dann aber auch bald dem aufkeimenden Familienleben: 1963 Geburt des Sohnes Johannes, 1965 Christoph, genannt 'Rabe', heute selbst auch Maler in Berlin, 1972 Wolfgang, der heute als  der Schauspieler Wowo Habdank in Holzhausen am Starnberger See lebt.

In den 50er Jahren gehört Walter Habdank einerseits zur sog. 'Renommierjugend' der Münchener Kunstszene, andererseits wird er wegen seiner kompromisslosen Gegenständlichkeit heftig kritisiert.
In den 50er Jahren ist Habdank mehrfach in Ausstellungen vertreten, so in München im Haus der Kunst im Rahmen der 'Neuen Gruppe', später der 'Neuen Münchener Künstlergenossenschaft'; im Lenbachhaus an herausragender Stelle u.a. neben Kallmann, Hoffmann und Scheibe, im Stadtmuseum (1958), usw.
Erste selbstständige Ausstellungen finden in den 50er Jahren in Lugano, in der Galerie der Stuttgarter Hausbücherei, München, mit Nachfolgeausstellungen in Dortmund, Köln und Münster statt.
1954 refusiert das Haus der Kunst Habdank und Scheibe, weil sie gegen die schlechte Hängung ihrer Bilder – nahe den Toiletten - protestiert hatten. Es kommt zum Presse-Eklat und zu einer 'Ersatzausstellung' der Refusierten.

1956 gestaltet Habdank „seine“ erste Kirche: Gröbenzell, Zachäusgemeinde.
Ausstellungsbeteiligungen und vor allem selbstständige Ausstellungen folgen ab den 50er Jahren im europäischen Ausland, in Süd- und Nordamerika, sowie in vielen deutschen Städten an namhaften Orten. Sein Werk findet zunehmende Verbreitung in Deutschland und in Europa mit ungezählten Ausstellungen – auch posthum, besonders hervorheben möchte ich die Ausstellung „Feuerofen“ vor zwei Jahren in der Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Zahlreiche Buchveröffentlichungen ergeben sich ab 1958 mit Illustrationen, auch zu Predigten von dem verehrten Romano Guardini, sowie vielen Holzschnittbebilderungen zu christlicher Erbauungsliteratur und in evangelischen und katholischen Schulbibeln, die Bebilderung der Neuausgabe der „Legende vom Vierten König“ seines Freundes Helmut Bieber, schließlich mehrere eigenständige Holzschnittbücher – das alles verbreitet seine Werke auf vielfache Weise.

In den 70er Jahren etabliert sich Walter Habdank mit dem charakteristischen Image als Holzschneider zu biblischen Themen, mit über 160 Ausstellungen in öffentlichen und kirchlichen Gebäuden in Deutschland und dem angrenzenden Ausland. Zahlreiche Auftragsarbeiten und Ankäufe durch kirchliche Einrichtungen und öffentliche und private Auftraggeber, Krankenhäuser und  Bildungseinrich-tungen folgen. Eine ganze Reihe von Fernsehsendungen (ZDF, BR u.a.) und Filme über seine Kunstwerke steigern zusätzlich seinen Bekanntheitsgrad.
Er gestaltet öffentliche Brunnen und Plätze und mehrere Skulpturen zum Gedenken an den Holocaust (Bruchsal, Rottweil) und Starnberg-Petersbrunn.

Der offizielle Kunstbetrieb nimmt mit des Künstlers zunehmender Fokussierung auf religiöse Themen so gut wie keine Notiz von ihm bzw. belegt sein Werk mit gängigen Vorurteilen wie "gegenständlich, stehengeblieben" oder "unzeitgemäß"... Ich denke, für ihn selbst waren das Ehrentitel.

Weniger von der evangelischen Kirche als vielmehr von der traditionell bilderfreundlicheren katholischen Seite erfährt Walter Habdank die Anerkennung und Unterstützung, die seinen Ruf auch in ökumenischen Kreisen festigt.

Die Zahl der Abbildungen seiner Werke in Büchern, Zeitschriften, Heften und Gemeindebriefen wächst national - und auch international in weltweiter Missionsarbeit - ins Unüberschaubare. Dass seine Holzschnitte selbst in Papua-Neuguinea Menschen ansprechen, ist für ihn ein klares Indiz dafür, dass seine Bildsprache allgemein menschlich verstehbar ist. Einzelne Motive werden hierzulande über ihre millionenfache Verbreitung auf Handzetteln bei Kirchentagen und in Liedblättern zu religiösem Bild-Volksgut. (Dass hier das Urheberrecht nicht immer beachtet wurde, liegt auf der Hand.)
Neben klassischen biblischen Einzelthemen (Noah, Prophet, Verlorener Sohn etc.) entstehen ganze Bilderzyklen zu Schöpfung, Abraham, Jona, den Werken der Barmherzigkeit, dem Kreuzweg. Sie finden große Verbreitung.

Ergänzende Parallelschiene zum selbstständigen künstlerischen Wirken ist: Schon seit den 50er Jahren wirkt Habdank maßgeblich am Aufbau des Sozialunternehmens Augustinum mit. Er ist für Form und Farbe und damit für die ästhetische Ausgestaltung der Wohnstifte, heilpädagogischen Einrichtungen, Schulen und Krankenhäuser verantwortlich. Er gestaltet deren Empfangshallen, Theaterfoyers und Hauskapellen und entwickelt frühzeitig das, was man heute Corporate Design nennt für das Augustinum mit eigenem, unverwechselbaren Erscheinungsbild und eigener Schrifttype, der AUGUSTINA. In den 60er bis 90er Jahren Mitglied des Generalrats des Unternehmens und Mitglied des Vorstands.

Ostern  1979 zieht die Familie in das eigene Atelierhaus in Berg am Starnberger See. Blumen- und Landschaftsaquarelle werden ein neuer Schwerpunkt seines Schaffens, zum Teil hier mit ausgestellt.

Habdank lädt regelmäßig zu Atelierausstellungen seiner Werke ein, die großen Zulauf finden.
1986 findet die erste westliche Kunstausstellung nach dem deutsch-deutschen Kulturabkommen im Dom von Schwerin, DDR, mit Habdank-Holzschnitten statt.

1995 erscheint im Pattloch-Verlag, Augsburg, die 'Habdank-Bibel', die der  Künstler als den Höhepunkt seines biblischen Lebenswerks ansieht. Bei der Präsentation im Kloster Andechs bemerkt Abt Odilo Lechner: 'Walter Habdank ist ein Geschenk für die katholische Kirche. In seiner letzten Schaffensperiode beschäftigt sich Walter Habdank mit Auftragsarbeiten und thematischen Erweiterungen des Aquarells um figürliche Elemente. Ein Holzschnittzyklus zur Apokalypse kann leider nur noch begonnen werden. Sein letztes Werk sind die Glasfenster für die Franziskuskapelle in Tutzing.

Am 26. November 2001, also jetzt bald vor 17 Jahren, stirbt Walter Habdank nach schwerer Krankheit im Kreis seiner Angehörigen in seinem Atelier in Berg. In einem der vielen Nachrufe, in der BZ, der Berliner Zeitung, wird er als einer der bedeutendsten christlichen Künstler des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Beerdigt wird Walter Habdank in Aufkirchen oberhalb des Starnberger Sees. Sein Grabstein trägt – in seiner Schrift – Worte von Matthias Grünewald:

'Geht mir nit drum, ob mein Leib verdorrt wie Gras. Aber um Dein Bild in mir geht's mir'.

Und genau darum soll es auch heute dem Bildbetrachter der Habdank-Kunst  gehen. Nach dem Willen meines Vaters sind seine Bilder als Aufforderung an den Bildbetrachter zum Dialog mit dem Dargestellten zu verstehen. Und wer die Bilder ansieht, erkennt: Der Künstler bedient sich expressionistischer Darstellungsmittel, das heißt: er übertreibt bewusst in Form und Farbe. Was wesentlich ist, vor allem Augen und Hände, wird groß gemalt, was unwesentlich ist, klein. In strenger Komposition werden die wesentlichen Bildelemente durchdacht zueinander in Beziehung gesetzt. Formal und inhaltlich komprimierte Bilder, archetypische Gestalten und Szenen sollen den Bildbetrachter heraus-fordern zu einer eigenen Stellungnahme zum Leben, zu sich selbst und seiner Welt, zu dem, was er glauben kann. Der Bildbetrachter soll sich die Bilder mit seinen Augen erwandern, in den figürlichen Gestalten, den Formen und den Farben sich selbst wieder finden, das Bild für sich persönlich ergänzen und es sich zu eigen machen. Und indem dies geschieht, kann das Bild sich im Bildbetrachter neu entfalten. Denn die Inhalte der über die gegebene Befindlichkeit hinausweisenden Bilder der Hoffnung und Erwartung, der Begegnung und Zuwendung prägen sich im Bildbetrachter so ein, dass er selbst klarer sieht und über seine eigene Situation hinausblickt.

Kardinal Meißner hat die biblischen Holzschnitte und figürlichen Themen, die als Ur-Bilder der menschlichen Existenz konzipiert wurden, einmal so genannt: sie seien "eine Art westlicher Ikonen". Mein Vater selbst sah seine zentralen Bilder biblischen Inhalts auch als "Sterbebilder" an, in einem ganz bestimmten Sinn:

Wenn sein Bildbetrachter die Bilder, und wenn es nur eines oder zwei sind, in sich so aufgenommen hat, dass er sie auswendig kann, wie eine Melodie oder einen Liedvers, dann können diese Bilder in dem Menschen, selbst wenn ihm die Begriffe abhanden gekommen und Hören und Sehen bereits vergangen sind, innerlich, in seiner Seele, vor seinem geistigen Auge aufsteigen und ihn in jene andere Dimension hinüber begleiten. Die Auferstehungsvorstellung war dafür für Walter Habdank ein wesentliches menschliches Sinnbild. Für meinen Vater selbst war eines dieser Bilder, die ihn an seinem eigenen Ende begleitet haben, der Noah mit der Taube.

Ich komme zum Schluss: Wir sehen uns nun mehrere Bilder an, die ich mitgebracht habe. Auch wenn einige wenige Bilder einen eher dekorativen Charakter zu haben scheinen: sie sind dennoch vor allem als Ausdrucksformen der menschlichen Existenz, als Seelenbilder und Seelenlandschaften und Darstellung der Schöpfung gedacht und gemalt. Wandern Sie mit dem Auge die Bilder von Walter Habdank ab, nehmen Sie sie mit ihrem geistigen Auge in sich auf! Machen Sie sich bitte selbst Gedanken, ob, und wenn ja, welches oder welche dieser Bilder Ihre ganz persönlichen Bilder durch innere Aneignung werden könnten, so dass er von ihnen selbst gesagt hätte: "Mein Bildbetrachter."
Ich danke Ihnen.
                                                                                                                                                                                              

Johannes Habdank, geb. 1963, ist evangelischer Pfarrer und Dipl.-Volkswirt. Er hat von 1995 bis 2009 beim Augustinum in verschiedenen Leitungspositionen des Seniorenwohnens gearbeitet. Seit  September 2009 ist er Pfarrer der Evang.-Luth. Kirchengemeinde in Berg am Starnberger See. Der biographische Teil des Textes wurde mit Helmut Bieber, langjährigem Freund und Weggefährten Walter Habdanks, erstellt. Ein kunstgeschichtlich einordnender Beitrag von Rabe Habdank fand ebenso Eingang in die Ausführungen. Vielen Dank!

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